off limits, Nr. 34
"Ausreisezentren":
Projekt X & das Halberstädter Kombimodell
Conni Grenz
Nach dem neuen Zuwanderungsbegrenzungsgesetz soll bundesweit möglich werden,
was einige Bundesländer bereits erproben: Flüchtlinge, deren Abschiebung
den Behörden z.B. aufgrund fehlender Papiere Schwierigkeiten bereitet und
denen deshalb "Identitätsverschleierung" vorgeworfen wird, können
in sogenannte "Ausreissezentren" eingewiesen werden. Durch "intensive
soziale Betreuung", sprich: alltägliche Überwachung und massiven
Druck sollen sie dazu bewegt werden, entweder "freiwillig" auszureisen
oder an ihrer Abschiebung in ein aufnahmebereites Land mitzuwirken. Solche "Ausreisezentren"
gibt es bereits als Modellprojekte in Niedersachsen ("Modell X" in
Braunschweig und Oldenburg sowie eine andere Variante in Bramsche bei Osnabrück
; siehe FLÜCHTLINGSRAT Heft 75/76; 80/81; www.nds-fluerat.org) und Rheinland-Pfalz
(Landesunterkunft Ingelheim, siehe Bericht in off limits 31). Ein Modellversuch
in Nordrhein-Westfalen wurde wieder abgebrochen. Auch in der ZASt (Zentrale
Aufnahemestelle) Halberstadt im rot-rot-regierten Sachsen-Anhalt ist nun ein
solches "Modellprojekt" mit zunächst 100 ausreisepflichtigen
Männern geplant.
Anfang Februar 2002 fuhr eine Gruppe von SozialarbeiterInnen aus Hamburg zusammen
mit einem jungen afrikanischen Flüchtling nach Sachsen-Anhalt. Hintergrund
unserer Reise war zum einen der Umgang mit minderjährigen unbegleiteten
Flüchtlingen, die sich in Hamburg als unter 16jährige melden und von
der Ausländerbehörde und dem Institut für Rechtsmedizin für
über 16 erklärt und umverteilt werden, in der letzten Zeit sehr häufig
nach Halberstadt. Zum anderen hatten wir aus einem Zeitungsartikel in der "jungen
welt" vom 5.1.02 und vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt erfahren, dass
in der ZASt Halberstadt ab Jahresbeginn 2002 als Modellprojekt eine "Zentrale
Ausreiseeinrichtung" erprobt werden soll.
Die ZASt Halberstadt
Die ZASt Halberstadt ist einige Kilometer außerhalb der Stadt in einer
ehemaligen Grenztruppenkaserne untergebracht. Ein Bus fährt vom Hauptbahnhof
bis in die Nähe, aber zum einen fährt er nur selten, zum andern ist
noch ein Fußweg durch einsames Gelände erforderlich. Die ZASt besteht
seit 1990, d.h. kurz nach der Grenzöffnung, als die Kaserne nicht mehr
als Grenztruppenunterkunft gebraucht wurde. Dort gelagerte SS 20-Raketen wurden
abtransportiert und die Truppen verlagert. Laut Aussagen des Leiters wurde die
ZASt eingerichtet, weil 1990 sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen
und beschlossen wurde, sie auch in die neuen Bundesländer zu verteilen.
In der ZASt Halberstadt standen zunächst 1500 Plätze bei 5 qm pro
Person zur Verfügung, und am Anfang war sie voll belegt. Zur Zeit sind
wegen des Rückgangs der Asylbewerberzahlen nur noch ca. 750 Flüchtlinge
dort untergebracht.
Ca. 1/3 dieser Flüchtlinge kommen direkt nach Halberstadt, vor allem aus
Vietnam und dem Irak. Die übrigen werden aus anderen Bundesländern,
u.a. Hamburg, dorthin verteilt. Von diesen sind sehr viele aus Afrika, v.a.
aus Burkina Faso (seit letzten Herbst ist Sachsen-Anhalt einziger Verteilort
für dieses westafrikanische Land), aber auch aus Sierra Leone, Togo, Burundi,
Kamerun, Niger, Mali, Sudan, Benin und Angola. Außerdem gibt es Flüchtlinge
aus der Türkei, Jugoslawien, Bosnien, Makedonien, Syrien, Indien und der
Russischen Föderation.
Die ZASt Halberstadt besteht aus drei großen Kasernen-Hochhäusern.
Eins davon ist mit Familien und alleinstehenden Frauen belegt, die beiden anderen
mit alleinstehenden Männern, möglichst unterteilt nach Sprachen/Herkunftsländern.
In jedem Haus gibt es drei direkt bei der ZASt angestellte Sozialarbeiter (davon
zwei aus Marokko bzw. dem Irak), die für alle alltäglichen Probleme
zuständig sind.
Außerdem gibt es auf dem Gelände eine Verfahrensberatungsstelle
der Caritas. Das Bundesamt, die Ausländerbehörde, das Sozialamt und
die Polizei befinden sich ebenfalls in eigenen Räumlichkeiten auf dem Gelände
der ZASt.
Seit 1998 sichert zusammen mit der Polizei ein privater Wachdienst (früher
Behördenangestellte) das Gelände rund um die Uhr. Rechtsradikale Angriffe
habe es im Gegensatz zu Magdeburg noch keine gegeben, auch nicht in der Stadt.
Die Gefahr ist jedoch allgegenwärtig. Ein Arzt und eine Krankenschwester
seien tagsüber in der ZASt und vor allem für die Erstuntersuchungen
da, in Notfällen werde ein Krankenwagen gerufen bzw. die Flüchtlinge
erhielten Behandlungsscheine für Arztpraxen in der Stadt. Als Freizeitangebote
gebe es ein Kino und Sportmöglichkeiten. Deutschkurse gab es früher,
aber da die meisten Flüchtlinge nur wenige Wochen in der ZASt seien, lohne
sich das nicht.
Die Flüchtlinge bekommen einmal im Monat ca. 40 € Taschengeld und
Vollverpflegung. Eine Arbeitserlaubnis erhalten auch berechtigte Flüchtlinge
in Sachsen-Anhalt kaum, da es eine hohe Arbeitslosigkeit der einheimischen Bevölkerung
gibt. In der ZASt ist "gemeinnützige Arbeit" für 1 €/Std.
möglich.
Laut Aussagen des Leiters bleiben die meisten Flüchtlinge nur 3-4 Wochen
in der ZASt, das heißt: bis sie ihren Asylantrag gestellt und ihre Anhörung
gehabt haben. Danach würden sie in Unterkünfte in anderen Orten in
Sachsen-Anhalt verteilt - außer wenn ihr Asylantrag mit "offensichtlich
unbegründet" abgelehnt wurde. Auf unseren Einwand, dass dies aber
bei einem sehr großen Teil der Flüchtlinge der Fall sei und dass
wir auf dem Gelände afrikanische Flüchtlinge getroffen hatten, die
schon über zwei Monate in der ZASt lebten, gab der ZASt-Leiter zu, dass
ein Teil der Flüchtlinge, insbesondere diejenigen, bei denen das Herkunftsland
unklar sei, bis zur Abschiebung in der ZASt bleiben oder aus den Verteilorten
zur Vorbereitung der Abschiebung wieder in die ZASt bzw. das geplante "Ausreisezentrum"
dort gebracht würden.
Ausreisezentrum Halberstadt?
Unsere Nachfragen bezüglich des "Ausreisezentrums" wurden sehr
zurückhaltend beantwortet, obwohl der Bezugserlass vom November 2001 stammt
und die offizielle Eröffnung des Projekts am 1.1.02 stattfand.
Der Sozialarbeiter, der uns zeitweise begleitete, meinte, er könne sich
nicht vorstellen, dass unter den derzeitigen politischen Verhältnissen
in Sachsen-Anhalt (PDS-tolerierte SPD-Regierung) ein solches Projekt durchsetzbar
wäre.
Der ZASt-Leiter ließ in Nebensätzen durchblicken, dass die ZASt
Halberstadt teilweise bereits als "Ausreiseeinrichtung" dient - was
ist es denn anderes, wenn insbesondere afrikanische Flüchtlinge, deren
Herkunftsland angeblich ungeklärt ist, dort bis zur Abschiebung bleiben
müssen? Wie das den Charakter der Einrichtung verändern und sich auf
die psychische Lage der Flüchtlinge sowie auf die Rolle der Mitarbeiter
auswirken kann, schien ihm nicht von besonderer Bedeutung zu sein.
Der afrikanische Mitarbeiter der Verfahrensberatungsstelle der Caritas, die
sich trotz Räumen in der ZASt als unabhängig sieht, meinte, die "Ausreiseeinrichtung"
sei ein Projekt für 100 Asylbewerber. Wann es losgehe, sei unklar, und
es werde ihre Arbeit nicht erleichtern. Er selbst gebe keine Informationen über
vermutete Herkunftsländer an Behörden weiter und sei auch nicht bei
Anhörungen dabei. Auch die bei der ZASt angestellten SozialarbeiterInnen
seien in dieser Hinsicht in Ordnung.
Laut Einschätzung des Flüchtlingsrats ist aber zu befürchten,
dass die SozialarbeiterInnen die Flüchtlinge tagtäglich beobachten
sollen, um Hinweise auf ihr Herkunftsland zu finden. Die derzeitigen Mitarbeiter
sehen das bisher nicht als ihre Rolle und seien deshalb auch nicht begeistert
von den Plänen.
In der Lokalpresse in Halberstadt wurden eher andere Bedenken gegen eine "Ausreiseeinrichtung"
geäußert: Man befürchte, von Massen an evtl. "kriminellen"
Flüchtlingen überflutet zu werden. Deshalb sei von Behördenseite
angedeutet worden, "Kriminelle" werde man nicht aufnehmen.
Die SPD-Landesregierung sei in einem gewissen Dilemma, wenn sie als Vorreiter
für eine "Ausreiseeinrichtung" auftrete, während sie auf
der anderen Seite mit großem finanziellen Aufwand Programme gegen Rassismus
und Fremdenfeindlichkeit unterstütze. Die Einzelheiten der Planung wurden
deshalb bisher geheimgehalten. In der Diskussion war ein "Ausreisezentrum"
in Halberstadt schon vor einigen Jahren, zeitgleich mit Plänen in NRW,
aber aufgrund des Kosovokriegs wurden die Pläne damals nicht umgesetzt.
Jetzt scheint es so zu sein, dass die zurückgehenden Zahlen der Neuankömmlinge
und das Zuwanderungsgesetz die Entscheidung der Landesregierung für das
"Modellprojekt" begünstigt haben.
Widerstand gegen das "Halberstädter Kombimodell"
Der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt hat Ende Januar 2002 zusammen mit dem
Eine-Welt-Haus Halle und Magdeburg sowie breiter Unterstützung anderer
Gruppen eine Presseerklärung "Zum Halberstädter Kombimodell einer
Ausreiseeinrichtung (Projekt X&)" herausgegeben mit der Forderung,
das Experiment sofort zu stoppen. Nach Ansicht des Flüchtlingsrats widersprechen
Ausreiseeinrichtungen "den elementaren Grundsätzen der Menschlichkeit
und den von der Landesregierung verkündeten Prinzipien eines fremdenfreundlichen
weltoffenen Landes. Dass ausgerechnet unsere Regierung in Sachsen-Anhalt, die
bisher im Ruf einer relativ liberalen Ausländerpolitik stand, mit Ausreiseeinrichtungen
experimentiert, löst bei ausländerfreundlichen Bürgern tiefe
Enttäuschungen aus und weckt die Angst, dass Sachsen-Anhalt nun als Vorreiter
der neuen Bundesländer einen Wettlauf eröffnet."
Der Flüchtlingsrat verweist auf die Erfahrungen mit den Ausreiseeinrichtungen
in Niedersachsen: Dort werden mehr Flüchtlinge in die Illegalität
getrieben als zur "freiwilligen Ausreise" bewegt bzw. abgeschoben.
Konkret: fast die Hälfte der eingewiesenen Flüchtlinge tauchte unter
(die Zahlen sind: 42 % dauerhaft und 53% insgesamt, mit den kurzfristig untergetauchten),
das heißt: sie ziehen es vor, ohne gültige Papiere und Sozialleistungen
zu überleben statt im Lager auf ihre Abschiebung zu warten. Vom niedersächsischen
Innenministerium wurde dies in einer Erklärung vom 6.12.01 als "Erfolg"
dargestellt. Ist diese Wirkung auch in Halberstadt beabsichtigt?
Der Flüchtlingsrat betrachtet es außerdem als "wenig professionell,
abgelehnte Asylbewerber, die aus der Sicht der Verwaltung bei ihrer Abschiebung
nicht mitwirken, in der ZASt unterzubringen, die vornehmlich für die Erstaufnahme
vorgesehen ist. Die ohnehin unter Druck und Ängsten stehenden Neuankömmlinge
haben so das mögliche bittere Ende ihres Schutzbegehrens täglich vor
Augen." Dies bedeute eine zusätzliche, unerträgliche Verunsicherung.
Auffällig ist, dass in der bestehenden Ausreiseeinrichtung bei Oldenburg
von den zu einem Stichtag dort befindlichen 29 Flüchtlingen 4 aus dem Nahen
Osten und 25 aus Schwarzafrika kamen. Befürchtung des Flüchtlingsrats
Sachsen-Anhalt: "Sollte sich für 2002 ein vergleichbares Ungleichgewicht
für auch für Halberstadt ergeben, so würde dadurch der Verdacht
genährt, dass bei der Auswahl der Flüchtlinge rassistische Gesichtspunkte
eine Rolle spielen."
Der Runde Tisch gegen Ausländerfeindlichkeit in Sachsen-Anhalt, in dem
Flüchtlingsinitiativen, Kirchen u.ä. vertreten sind, einschlägige
Ministerien und der Ausländerbeauftragte einen beratenden Status und lokale
Akteure einen Gaststatus haben, hat verschiedene Positionen angehört. Die
Verhandlungen konnten nicht zu Ende geführt werden wegen heftiger Diskussionen
vor Ort, und es wird einen Nachbereitungskreis, wahrscheinlich im Innenministerium,
geben. Der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt wünscht sich bundesweite
Unterstützung für den Widerstand gegen das Halberstädter Kombimodell,
vor allem deshalb, weil Sachsen-Anhalt eine Vorreiterrolle für die neuen
Bundesländer bekommt, wenn sich das Ausreisezentrum hier langfristig etabliert.
Kontaktadresse: Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt e.V., Schellingstr. 3-4,
39104 Magdeburg, Tel.: 0391 - 537 12 79, Fax: 537 12 80, email: frsa@gorbat.de,
homepage: www.gorbat.de